Polyamorie und gesellschaftliche Zuschreibungen
Als polyamor empfindender Mensch ist man oft mit Dingen konfrontiert wie: „Du willst ja nur einen Harem“, „Du kriegst eh nie genug“ und so weiter. Oder damit, dass Menschen Polyamorie nicht von Polygamie unterscheiden können. Inzwischen ist mir so etwas relativ egal. Es ist die Gesellschaft, die Polyamorie nicht akzeptiert. Und who cares? Mich nicht.
Aber nichts empfinde ich als schlimmer als die folgende Geschichte, die sich letztes Jahr zugetragen hat und meinem Blutzirkulationsorgan wieder einen gewaltigen Sprung verpasst hat. Und wie im Eröffnungsbeitrag erwähnt, sind Lux-Beiträge nicht immer nur positiv. Und Obscuritas-Beiträge nicht immer negativ.
Die Begegnung
Ich habe auf einer Fetisch-Veranstaltung einen Menschen kennengelernt, den ich wirklich massiv anziehend fand. Das wurde mir aber primär nach der Party erst bewusst. Wie immer halt. Es gab Anzeichen, dass die Person mit mir geflirtet hat. Da ich schlecht im Flirten bin, erkenne ich sowas erst Stunden später oder hinterfrage es zumindest.
Dieser Mensch war anders als alle Männer, die ich in meinem Leben hatte. Zum Schutz der Privatsphäre möchte ich an dieser Stelle nicht ins Detail gehen. Daher belasse ich es genau bei dieser Aussage.
Der Beginn des Kontakts
Einen Tag später, nachdem ich das alles analysiert hatte, besorgte ich mir seine Kontaktdaten und wir fingen an zu schreiben. Innerhalb kürzester Zeit merkte ich, dass er für mich etwas Besonderes werden könnte. Er war hypersympathisch, sehr hübsch und vielseitig. Ich fragte mich schon früh: „Wie zur Hölle kann mich ein so hübscher Mensch toll finden?“
Wir befanden beide schnell, dass wir uns wiedersehen mussten. Nur waren die Möglichkeiten des Wiedersehens etwas rar. Aber wir fanden einen Ort und eine „Veranstaltung“, wo dies möglich war.
Offene Kommunikation von Anfang an
Ich stellte von vornherein klar, wer und was ich bin. Auch auf die Gefahr hin, dass das Interesse sofort flöten geht, lege ich meist alle „Problematiken“ sofort offen auf den Tisch. Ich bin polyamor, neurodivergent (und die Folgen, die Letzteres mit sich bringt) und so weiter. Es soll später nicht heißen, ich würde Dinge verheimlichen. Da habe ich keinen Bock drauf.
Er sagte, dass er nicht weiß, ob das mit der Polyamorie für ihn etwas ist. Und das war auch okay. Irgendwie zumindest.
Die emotionale Achterbahn
Dennoch steigerten wir uns beide ziemlich in den Kontakt hinein und konnten es kaum erwarten, uns zu sehen. Das Polyamorie-Thema kam öfter zur Sprache, auch um sicherzugehen. Mein Kopf arbeitete für andere … „Probleme“ … schon an Lösungen, voreilig, wie immer.
Und irgendwann kam auch Roswitha, das Monster in meinem Kopf: „Der ist zu gut für dich.“, „Du glaubst doch nicht wirklich, dass DAS klappt rofllol“ und so weiter. Doch diesmal habe ich mich von ihr nicht beirren lassen. Auch wenn ich im Nachhinein denke, dass ich es doch hätte tun sollen.
Das Treffen
Der Tag des Treffens rückte näher und war natürlich irgendwann da. Retrospektiv habe ich natürlich auch etwas unbedacht gehandelt an manchen Stellen. Aber primär liefen andere Dinge schief.
Die Begrüßung war sehr herzlich, von beiden Seiten. Wir haben uns gedrückt, und irgendwie dauerte das lange. Bei anderen Menschen wäre ich schon im Fluchtmodus gewesen. So lief es eigentlich den ganzen Tag.
Er war fast immer in meiner Nähe. Bei einem Veranstaltungspunkt haben wir sogar Händchen gehalten. Er wurde sehr nähesuchend und kuschelte sein Gesicht in meinen Hals. Manchmal knabberte er auch daran. Und … das hat mich sehr überrascht … ich habe Dinge gefühlt, die schon sehr lange nicht präsent waren.
Ich möchte anmerken, dass sich für mich innerhalb eines Polyküls „Liebe“ immer anders anfühlt. Das, was ich bei bestimmten Aktionen bei dem einen empfinde oder entwickle, hat nicht zwangsweise bei dem anderen den gleichen Effekt. Es ist immer anders. Und das passt für mich.
Das Café
Mein Kopf war in diesen schon ziemlich intimen Momenten aus – leer, und das im positiven Sinne. Das war toll. Wir zogen uns irgendwann zurück, gingen in ein Café und lernten uns noch besser kennen. Wir erzählten uns von Wünschen und so weiter.
Da war z. B. mein erster „Fauxpas“, als ich sagte, dass ich irgendwann vielleicht sogar mit meinen Partnern zusammenleben möchte. Im Nachhinein habe ich gemerkt, dass das vielleicht keine gute Idee war. Aber soll ich jetzt lügen? Ich ergänzte noch, dass das natürlich unrealistisch ist.
Zurück beim Event
Auch nach der Wiederkehr zum eigentlichen Event veränderte sich nichts zum Schlechten. Im Gegenteil, er ging in die Vollen. Er hat sich sehr ins Zeug gelegt, wurde sehr touchy, und wir küssten uns.
Als wir beide und mein Partner zusammenstanden, machte ich den zweiten Fehler: Ich gab einem innerlichen Drang nach und umarmte beide. Ich kann mir vorstellen, dass das sehr unangenehm war. Mein Zwergbärchen sagte mir das nachträglich auch. Aber hat sich danach etwas geändert? Nein. Es ging innig weiter, bis mein Date wegen Überreizung nach Hause wollte. Verständlich, auch wenn schade. Ich begleitete ihn zum Auto.
Er bezahlte seine Parkgebühr und bat mich, noch kurz mit einzusteigen. Ich tat es (und wäre sofort mitgefahren). Wir küssten uns sehr innig, es knisterte auch sexuell. Ich wies ihn darauf hin, dass er sonst gleich nochmal zur Kasse müsste. Wir küssten uns noch einmal, und ich stieg aus. Ich war irgendwie traurig.
Die Abfuhr
Eine Stunde später bekam ich dann eine Nachricht von ihm, die mich für einen Moment gebrochen hat (frei wiedergegeben):
„Ich habe gemerkt, dass mir Polyamorie emotional nicht guttut, auch wenn die gemeinsame Zeit schön war und das nichts mit euch zu tun hat. Für meine psychische Gesundheit brauche ich Klarheit und merke, dass ich eher monogam bin. Deshalb möchte ich kein weiteres Dating, sondern ehrlich bleiben, bevor es tiefer geht. Eine freundschaftliche, respektvolle Verbindung kann ich mir gut vorstellen, weil du mir wichtig bist.“
Ich war baff. Ich saß im Auto und musste mich zusammenreißen, um nicht loszuheulen. Mir gingen unzählige Gedanken durch den Kopf, u. a. dass es doch schon sehr tief ging. Selbst Menschen, die um uns herum waren, waren überzeugt, dass daraus etwas wird.
Ich fragte nach: „Wenn Polyamorie nichts für dich ist, warum hast du dich dann SO ins Zeug gelegt?“ Die Antwort war nicht zufriedenstellend. Es ging um vergangene Beziehungen, schlechte Erfahrungen, sein generelles körperliches Verhalten bei Dates. Ich gewann den Eindruck, dass er noch nach weiteren Gründen suchte, Weitergehendes zu unterbinden.
Ich schrieb ihm noch ein paar Nachrichten, u. a. wie sehr es Menschen verletzt, wenn sich einer so ins Zeug legt und anschließend so eine Abfuhr erteilt. Gerade wenn sich vorher schon abzeichnete, wohin die Reise gehen könnte.
Reflexion und Konsequenzen
Polyamorie ist nicht einfach, das weiß ich aus beiden Sichtweisen. Ich weiß ziemlich genau, was ich möchte und was nicht – und selbst das ist nie in Stein gemeißelt. Vieles mache ich situativ.
Mein Zwergbärchen: Ein Partner, der selbst polyamor ist, kam für mich eigentlich nicht in Frage, besonders wenn er schon mehrere Partner hat. Aber es hat sich so entwickelt. Wenn ich jemanden so küsse, wie es geschehen ist, hat das für mich Bedeutung. Und wenn sich jemand so ins Zeug legt, dann ist die Richtung für mich klar.
Nicht jeder denkt so wie ich. Zum Glück. Aber in diesem Fall war es sehr prägnant. Es tat weh. Es verletzte mich. Ich glaube ihm auch, dass es ihm leidtat. Für mich stand direkt fest: Eine Freundschaft ist in diesem Fall nicht möglich – zumindest nicht in geraumer Zeit.
Liebe oder Verliebtsein ist sehr zerbrechlich. Jeder Riss darin macht es zukünftigen Partnern schwer, Fuß zu fassen. Ich weiß, dass ich meine Mauern nicht mehr so schnell fallen lassen werde. Am Ende gilt: Egal wie man es macht, es ist falsch. Lässt du die Mauern oben, rennen Leute weg. Hast du mal ein „gutes“ Gefühl und lässt sie runter, ist es auch schlecht. Ein akzeptables Maß zu finden, ist nicht einfach.
Gerry
