Braun statt bunt
Es gibt etwas, das mir in den letzten Jahren verstärkt auffällt. Die Regenbogenflagge – sei es die Standard-Flagge, die Progress Pride Flag oder die Intersex Inclusive Pride Flag – bekommt Flecken. Und ich rede hier nicht von ein paar Schmutzflecken, die zum Beispiel entstehen, weil sich die queere Community streitet oder sich exklusiv statt inklusiv verhält. Es geht um weit schlimmere Flecken.
Der Schmutz auf der Flagge, von dem ich rede, hat eine Farbe, die dort eigentlich so gar nicht hingehört: Braun. Und langsam fängt es an, dass es Menschen gibt, die unsere Flagge – die eigentlich für Frieden steht, vor allem aber für Gemeinschaft und einen jahrzehntelangen Kampf – in brauner Suppe tränken.
Achtung: Ich rede hier primär von schwulen Männern, weil es mir dort bisher am stärksten aufgefallen ist.
Auffälligkeiten
Seit einigen Jahren kommen immer mehr konservative, schwule Männer aus ihren Löchern gekrochen, um Stunk zu verbreiten. Sei es auf Seiten wie queer.de oder auf Instagram. Und immer öfter werden dabei Trans*-Personen und Fetisch-Personen angegriffen.
Ich nehme mal ein aktuelles Beispiel.
Jörg – seines Zeichens Mr. Fetish Hessen 2025 – hatte mich zu einem Interview über meinen Benefiz-Flohmarkt und generell zum Thema Teilhabe eingeladen. Es war ein wirklich gutes und sehr entspanntes Interview. Dazu gab es einen Teaser, um Menschen neugierig zu machen.
Alles soweit gut und schön. Das Feedback war überwiegend sehr positiv.
Naja. Ich würde jetzt nicht hier sitzen, gäbe es nicht diesen einen Kommentar, der mich auf die Palme gebracht hat. Ich zitiere ihn einmal:
„Hört einfach auf Sexualität zu politisieren. Das ist einfach nur niederträchtig. Sicher geht es nicht lange, bis eine Wahlempfehlung für eine der linken Parteien folgt.
Und dann noch diese Puppy Maske, nein, das kann doch alles nicht wahr sein. Ich mag diese Dinger nicht, reicht Eure Teilhabe so weit?“
Es wirkt wie ein Kommentar von einem dieser Strammdeutschen mit perfekter deutscher Rechtsschreibung (Rechts-Schreibung: Das verbreiten von inhaltlich nationalistisch geprägten Gedankenguts durch Kommentare, Beiträge oder Ähnliches. Meistens mit mangelhafter Grammatik und Rechtschreibung) . Zu den „Kritikpunkten“ komme ich gleich.
Queer.de hat vor Kurzem einen Artikel mit dem Titel
„Mehr als eine Million: Menschen spenden für Ehefrau von erschossener Renee Good“
veröffentlicht. Ein guter Artikel. Einer, der zeigt, dass das, was in Amerika passiert, nicht richtig ist. Aber darum geht es hier nicht.
Es geht um einen Kommentar eines – und ich gebe nur wieder, was er selbst gesagt hat – „echten Leder-Kerls“:
„Die Frau hat das Leben von ICE-Beamten gefährdet und musste gestoppt werden. Es zeigte mal wieder, wohin uns der Antifa-Terrorismus führt.
Der Faschismus nennt sich heute Antifa,
Terror, Gewalt, Folter und Mordversuche gegen Menschen die eine andere Meinung haben das ist Faschismus der sich heute Antifa nennt
für Sie ist das vielleicht
Demokratie???
Aber es ist Faschismus und egal wie der Faschismus sich heute nennt Faschismus bleibt Faschismus auch wenn der Faschismus sich heute Antifa nennt.🤷♂️“
Auch hier ist die Rechtsschreibung groß in ihm. Und ein Blick auf sein Profil hat mir alles gesagt, was ich wissen musste.
Ich möchte diese Kommentare aber gern – in groben Zügen – zerlegen.
Antifa
Zu behaupten, Menschen mit einer Antifa-Haltung seien faschistisch, ist ein Widerspruch in sich. Antifa bedeutet, Antifaschist zu sein. Gegen Faschismus. Gegen das, was im Zweiten Weltkrieg – und davor – passiert ist. Gegen Genozide, Diktaturen und Rassenlehren (stark vereinfacht).
Ich weiß, dass gerade die extreme Leder-Szene durchaus unangenehm elitäre Züge hat. Aber das hier? Das hat mir fast die Schuhe ausgezogen.
Er redet von Terror, Gewalt und Folter. Und ich frage mich ernsthaft, wie er das in einen vernünftigen Zusammenhang bringen will. Spielt er auf Berlin an? Den Stromausfall? Dann sollte er sich dringend mit den Einschätzungen des Verfassungsschutzes und den zahlreichen Ungereimtheiten befassen, die dort aufgetreten sind.
Selbst wenn er nicht Faschismus, sondern Extremismus gemeint haben sollte, rechtfertigt das seine Aussage kein bisschen.
Anmerkung: Extremismus ist immer scheiße. Egal aus welcher Richtung er kommt.
Er postete außerdem einen Screenshot seiner Benachrichtigungen, weil er getrollt wurde. Die Schriftart, die er auf seinem Smartphone eingestellt hat, kommt dem Altdeutsch der dreißiger Jahre sehr nahe. Ich denke, ihr wisst, worauf ich hinaus will.
Sexualität in der Politik
Mal davon abgesehen, dass der Teaser zum Interview in keiner Weise politisch war, muss man hier eines klarstellen: Sexualität war schon immer politisch.
Was glaubt dieser Kommentierende eigentlich, warum er heute so leben kann, wie er lebt? Sicher nicht, weil Menschen in den 70ern, 80ern und 90ern still in ihren Wohnungen gesessen und alles totgeschwiegen haben.
Er kann so leben und seine Meinung frei äußern, weil Menschen für ihre Sexualität und genau diese Freiheiten auf die Straße gegangen sind. Weil sie beschimpft wurden. Mit Steinen beworfen wurden. Und weil sie selbst Steine gegen die Obrigkeiten geworfen haben.
Frauen sind auf die Straße gegangen und können heute wählen und freie Entscheidungen treffen, ohne die Erlaubnis eines Mannes zu brauchen, um arbeiten zu dürfen. Und ja: Auch das hat mit Sexualität zu tun.
Frauen müssen sich in der Ehe nicht mehr vergewaltigen lassen. Frauen dürfen „Nein“ sagen.
Wir dürfen heiraten, Kinder adoptieren, uns in der Öffentlichkeit an den Händen halten. Und all das nur, weil Menschen für unsere Sexualität gekämpft haben.
Und wer stand ganz vorne?
Trans*-Personen. Lederkerle.
Ich frage mich ernsthaft, ob dieses Wissen – hier nur oberflächlich angerissen – wirklich schon so verblasst ist. Oder ob man sich einfach zu sicher fühlt. Müssen wir wirklich wieder in Angst leben, damit manchen klar wird, wie gut es uns schon geht – und wie viel besser es noch sein könnte?
Wahlempfehlungen
Ich kenne die Menschen, mit denen ich zusammenarbeite, meist sehr gut. Und niemand von ihnen würde eine konkrete Partei empfehlen – obwohl jede*r persönliche Präferenzen hat.
Das Einzige, was ich zu jeder Wahl sage, ist:
„WÄHLT NICHT RECHTS!“
Was jemand für sich als „rechts“ definiert, sei dahingestellt. Die Botschaft ist trotzdem klar und sollte mit gesundem Menschenverstand verständlich sein.
Am Ende soll jede*r das wählen, womit er oder sie sich wohlfühlt. Aber bitte unter Berücksichtigung der langfristigen Folgen. Gerade konservative Gays tendieren zunehmend zu Parteien, die uns nicht hier haben wollen. Parteien, die teilweise mit gesichert rechtsextremen Gruppen zusammenarbeiten. Ein Trend, der auch in Amerika massiv zugenommen hat.
Und dabei vergessen sie eines.
Es gibt ein Meme, das die Situation ziemlich gut beschreibt. Ich versuche es als Dialog:
Gays und Rechte gegen Trans-Rechte*
Gays: Yeah. Wir haben es geschafft.
Rechte: Haben wir.
Gays: Und gegen wen geht es jetzt?
Rechte: …
Gays: Gegen wen?
Rechte: grinsen
Versteht ihr, worauf ich hinaus will?
Selbst wenn konservative Gays es schaffen sollten, die Rechte von Trans*-Personen und die Sichtbarkeit von Fetischmenschen einzuschränken, sind sie die Nächsten. Unterdrückt von genau den Leuten, mit denen sie zuvor kooperiert haben.
Trans*-Rechte und Fetisch-Sichtbarkeit sind nur die Spitze eines riesigen Eisbergs namens „queeres Leben“. Wird diese Spitze abgeschlagen, kommt der nächste Teil dran. Und dann der nächste. Bis wir wieder in den 30er Jahren landen. Und dann ist das Gejammer groß – nur kann dann niemand mehr sagen, er habe von nichts gewusst.
Reichweite von Teilhabe
Ohne das Interview überhaupt gesehen zu haben, hat dieser Mensch bereits geurteilt, was Teilhabe für uns ist – und mich indirekt verurteilt, weil ich eine Wuffel-Maske getragen habe. Dafür werde ich mich nicht rechtfertigen.
Mein Verständnis von Teilhabe reicht ohnehin deutlich weiter. Und eigentlich geht es hier weniger um Teilhabe als um Sichtbarkeit.
Ja: In der Videoreihe geht es unter anderem um meinen Benefiz-Flohmarkt, bei dem Teilhabe durch Gear eine Rolle spielt. Insofern stimmt es: Teilhabe reicht so weit. So weit, dass wir Menschen, die es sich selbst nicht leisten können, genau diese Form von Teilhabe ermöglichen wollen. Denn aus Teilhabe entsteht Sichtbarkeit.
Nur Sichtbarkeit kann Missstände kritisieren, hinterfragen und verändern.
Nur Sichtbarkeit vermittelt Wissen und baut Klischees ab.
Nur Sichtbarkeit schafft Unabhängigkeit und Gleichstellung.
Und ganz ehrlich: Diese Art von Teilhabe kann gar nicht weit genug gehen.
Was zum Nachdenken
Liebe konservative und rechtsangehauchte Gays und Queers,
schaut in eure Geschichtsbücher. Geht in Bibliotheken oder Archive. Seht euch an, was vor und während des Zweiten Weltkriegs in Deutschland passiert ist. Wie viele Menschen allein wegen ihrer Sexualität gefoltert, deportiert und ermordet wurden.
Schaut euch an, was eure (Ur-)Großeltern zugelassen haben. Und dann überlegt, worauf ihr gerade hinarbeitet.
Schaut nach Amerika. Dort werden Memorials entfernt, die an uns erinnern. Namen von Menschen, die für queere Rechte gekämpft haben, werden ausgelöscht. Weil ein wahnsinniger Diktator – ja, anders kann man es nicht mehr nennen – es so will. Und weil zu viele Menschen nicht den Mut haben, zu widersprechen.
Was dort passiert und weit weg erscheint, wird hier passieren. Wieder.
Wenn ihr nicht endlich anfangt, weiter zu denken als bis zur eigenen Stirn.
Wollt ihr einen Genozid?
Wenn ja: Ihr seid die Nächsten. Das ist die Natur konservativen Faschismus.
Seid euch nicht zu sicher. Alles kann uns wieder genommen werden:
das Recht zu lieben.
das Recht zu leben.
und unser Leben selbst.
Gerry