Neurodivergenz und gesellschaftliche Reibung
Je nachdem, wie stark eine Neurodivergenz ausgeprägt ist, haben neurodivergente Personen unterschiedliche Herausforderungen. Im Archiv dieses Blogs finden sich unzählige Beiträge zu diesem Thema. Und dennoch halte ich es für sinnvoll, es im Rahmen dieses neuen Stils erneut aufzugreifen.
Für Menschen wie mich sind gesellschaftliche Konventionen oft schwierig, weil sie beispielsweise mit unserer Logik auf Kollisionskurs gehen. Wir äußern unsere Gedanken oft anders oder nehmen Aussagen anderer anders wahr als neurotypische Menschen.
Wiederkehrende Erfahrungen im Arbeitsleben
Mir ist das in meinem Leben sehr oft so ergangen – sehr, sehr oft sogar im Arbeitskontext. Und das hatte nichts mit der Arbeit selbst zu tun. Vielmehr prallten immer wieder Welten aufeinander.
Zum einen meine Welt, die durchaus gerechtigkeitssüchtig sein konnte, aber auch egoistisch oder harmoniebedürftig. Gerade in den letzten zwei Jahren meiner Tätigkeit wurde das besonders deutlich. Und einige werden sich nun fragen: „Was hat das mit Stärke zu tun? Das klingt eher nach Prudentia.“
Das stimmt. Bisher war ich vor allem analytisch und habe Reibungsflächen sowie systemische Probleme benannt. Am Ende geht es hier jedoch tatsächlich um Stärke und ums Aushalten – wie sich gleich zeigen wird.
Engagement für Diversity und Gleichstellung
In den letzten Jahren meiner Tätigkeit habe ich meinen Fokus zunehmend auf Gleichstellung, Mitarbeitendenzufriedenheit und Mitarbeitendenbindung gelegt. Ich wollte mich selbst, aber auch das Unternehmen weiterentwickeln.
In meinen Weiterbildungen im Bereich Diversity Management – das sich je nach Schwerpunkt auf Diversity (Diversität), Equity (Gleichstellung), Inclusion (Inklusion) und Belonging (Zugehörigkeit) bezieht – konnte ich in dieser Hinsicht viel lernen.
Ich wollte das Gelernte unbedingt mit meiner eigenen Lebenserfahrung verbinden und umsetzen. Unterstützung habe ich tatsächlich aus vielen Ecken des Unternehmens erhalten. Nur dort, wo ich sie am dringendsten gebraucht hätte, blieb sie aus.
Konflikte und Unverständnis
Eine Ursache dafür war, dass eine entscheidende Person und ich zwei völlig unterschiedliche Vorstellungen von Diversity Management hatten. Für mich stand stets der Schutz der Mitarbeitenden im Vordergrund und – wenn nötig – auch deren Anonymität. Für die andere Person hingegen die Sichtbarkeit oder, nach meinem Empfinden, das Erzwingen von Sichtbarkeit, insbesondere intern.
Es kam immer wieder zu hitzigen Debatten, zu ganz unterschiedlichen Themen. Und in etwa 90 % der Fälle – insbesondere dann, wenn es um meine Neurodivergenz und meine Wahrnehmung der Welt ging – fühlte ich mich unverstanden.
Gehört werden wollen
Es fühlte sich an, als wolle man meine Sichtweise weder wirklich nachvollziehen noch überhaupt hören. So war es auch schon früher. Als ich offen mit meiner Neurodivergenz umging, verstand ich beispielsweise nicht, warum ich das für mich behalten sollte. Im Subtext hieß es, das würde andere Menschen belasten.
Bitten in diese Richtung wurden häufig überhört. Stattdessen kam bei mir eher ein „Und was soll die Firma jetzt tun?“ an – obwohl sie damals nichts tun sollte. Man hätte mir zuhören können und vielleicht künftig prüfen, ob bestimmte Dinge, wie etwa Arbeitsausfälle, damit zusammenhängen könnten.
Weitermachen trotz Frustration
Ich schweife etwas ab. Trotz all dieser für mich schlechten Kommunikationssituationen und der – von oben betrachtet – wenigen Erfolge habe ich weitergemacht. Ich habe Präsentationen gehalten, Workshops konzipiert und durchgeführt – alles für mehr Inklusion und Verständnis, auch gegenüber unseren Nutzenden (Kundinnen).
Für vieles, was ich erreicht habe, gab es Lob, etwa für meine Arbeit in der Kundenbetreuung für trans Nutzende. Aber für mich war es nie genug.
Dranbleiben bis zum Schluss
Vieles dauerte zu lange, vieles war nicht ausreichend. Gerade in der internationalen Kommunikation war vieles schwer zu vermitteln. Es war zum Haare raufen. Dennoch habe ich bis zur letzten Woche im Hintergrund weitergearbeitet und auch Mitarbeitende eingearbeitet, damit sie für mich Dinge im Blick behalten und für Menschen einstehen, die es ohnehin schon schwer genug haben.
Nicht aufgeben
Ich bin stolz darauf, irgendwie nicht aufgegeben zu haben. Darauf, dass ich einige Menschen dazu bewegen konnte, Dinge anders zu sehen oder sich zu trauen, etwas für sich zu tun.
Für mich gibt es im Diversity Management keinen Platz zum Aufgeben, sondern nur zum Kämpfen – oder im schlimmsten Fall dazu, einen Mittelweg zu finden, der für beide Seiten positive Aspekte bietet.
Kante zu zeigen für Gleichstellung, egal wie groß der Gegenwind ist, ist für mich das A und O.
Gerry
