Ich empfinde polyamor und lebe derzeit mit meinem Partner und dessen Ehemann zusammen.
Dieser Text handelt von meiner eigenen Wutregulation und meinen inneren Reaktionen. Er ist keine Abrechnung mit den Menschen, mit denen ich lebe.
Ankommen, aber innerlich noch unterwegs
Seit November lebe ich hier. Objektiv geht es mir nicht schlecht. Ich habe Sicherheit, ein Dach über dem Kopf, Warmwasser, Strom. Dafür bin ich dankbar. Und trotzdem merke ich, dass Ankommen kein klarer Zustand ist. Innerlich bin ich noch nicht wirklich da.
Wir leben zu dritt auf begrenztem Raum. Für alle eine Umstellung, für mich in einer Phase, in der meine Belastbarkeit ohnehin eingeschränkt ist. Vieles, was nach außen hin nach Normalität oder Miteinander aussieht, kostet mich mehr Energie, als es vermutlich wirkt.
Ich habe begrenzte Kapazitäten für Dinge wie gemeinsame Abende, „Familienzeit“ oder gesellschaftliches Zusammensein allgemein. Nicht aus Ablehnung, sondern weil mein System das nicht beliebig leisten kann. Wenn diese Kapazitäten erschöpft sind, brauche ich Rückzug.
Rückzug, Schuldgefühle und innere Spannung
Was dabei bei mir entsteht, sind Schuldgefühle. Gedanken wie, dass ich mich vielleicht mehr einbringen sollte oder dass Rückzug falsch verstanden werden könnte. Das auch dann, wenn ich eigentlich dringend allein sein müsste.
Ich bin nicht gut darin, klar zu sagen, dass ich mehr als ein paar Stunden Abstand brauche. Nicht, weil es mir verwehrt wäre, sondern weil ich vermeiden möchte, Sorgen auszulösen oder etwas zu belasten. Also halte ich Dinge eher aus, statt sie früh anzusprechen.
Die letzten Monate waren insgesamt fordernd. Umzug, Organisation, eigene Themen. In solchen Phasen sammelt sich Unmut in mir an, den ich zu selten rechtzeitig nach außen formuliere. Er richtet sich dann weniger gegen andere, sondern vor allem gegen mich selbst.
Außenwirkung und innere Realität
Schwierig wird es für mich auch, wenn mein Zustand von außen eingeschätzt wird. Ich kann lachen, funktionieren, Gespräche führen. Auch mit Depressionen und kPTBS. Das sagt wenig darüber aus, wie es mir tatsächlich geht.
Nur weil ich nicht zusammenbreche, heißt das nicht, dass es mir gut geht. Und nur weil ich mit Menschen zusammenlebe, verschwindet das Gefühl von Einsamkeit nicht automatisch.
Gerade wenn es um meine eigenen Grenzen geht, fällt mir Diplomatie schwer. Der Zorn, der dabei entsteht, richtet sich meist nach innen. Gegen meine Überforderung, meine geringe Belastbarkeit, meinen Kopf, der selten still ist.
Ein vorsichtiger Ausblick
Trotz allem versuche ich, die Situation nicht abschließend zu bewerten. Zwei Monate sind keine lange Zeit. Für niemanden von uns. Das hier ist ein Prozess.
Ich hoffe, dass wir Wege finden, das Zusammenleben so zu gestalten, dass es für alle tragbar bleibt. Mit mehr Klarheit, weniger Interpretation und realistischen Erwartungen. Diese Menschen sind mir wichtig, sehr.
Was das neue Jahr bringt, wird sich zeigen. Ich wünsche mir, dass es Raum gibt für Rückzug, für Ehrlichkeit und für gesellschaftliches Miteinander dort, wo auch wirklich Kapazitäten dafür da sind.
Gerry