{"id":7877,"date":"2022-08-27T16:02:21","date_gmt":"2022-08-27T14:02:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.g-wie-gerry.de\/?p=7877"},"modified":"2025-12-13T23:56:25","modified_gmt":"2025-12-13T22:56:25","slug":"was-uns-nicht-hilft-oder-gar-beleidigt-teil-2-befehlende-ratschlaege","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/g-wie-gerry.de\/en\/was-uns-nicht-hilft-oder-gar-beleidigt-teil-2-befehlende-ratschlaege\/","title":{"rendered":"Was uns nicht hilft oder gar beleidigt! \u2013 Teil 2: Befehlende Ratschl\u00e4ge"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"https:\/\/bit.ly\/DGWUSH2\">Click here for english version<\/a><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image alignleft size-large is-resized\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.g-wie-gerry.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/0-1024x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7525\" width=\"185\" height=\"185\" srcset=\"https:\/\/g-wie-gerry.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/0-1024x1024.png 1024w, https:\/\/g-wie-gerry.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/0-300x300.png 300w, https:\/\/g-wie-gerry.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/0-150x150.png 150w, https:\/\/g-wie-gerry.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/0-768x768.png 768w, https:\/\/g-wie-gerry.de\/wp-content\/uploads\/2022\/01\/0.png 1500w\" sizes=\"(max-width: 185px) 100vw, 185px\" \/><\/figure>\n\n\n\n<p class=\"has-drop-cap\">Der erste Teil kam, soweit ich das mitbekommen habe, ziemlich gut bei euch an. Daher m\u00f6chte ich eine kleine Erinnerung geben: Feedback ist immer gerne gesehen. Besonders in den Kommentaren, wo ihr auch, weil ihr z. B. Angst habt, dass jemand der euch kennt, das lesen k\u00f6nnte, anonym kommentieren k\u00f6nnt.<br>Es w\u00e4re echt awesome vielleicht mal ein oder zwei Kommentare von euch zu erhalten. Das Feedback im Fediverse war auch sehr gut. Vielen Dank daf\u00fcr.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir also zum zweiten Teil dieses Blog-Projekts.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die allseits &#8218;beliebten&#8216; befehlenden Ratschl\u00e4ge<\/h2>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Du musst einfach unter Leute&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Einer der S\u00e4tze, die ich wohl am meisten in meinem Leben geh\u00f6rt habe. Von Familie, Freunden, Kollegen und Menschen, die mich nicht mal kennen. Aber was passiert, wenn ich, oder auch viele andere Betroffene, einfach so unter Leute gehen?<br>Ich kann hier nat\u00fcrlich nur f\u00fcr mich sprechen, aber ich wei\u00df nicht mal, wie das gemeint ist. Zu Stra\u00dfenfesten, wo ich mich dann am Rand aufhalte, weil das alles zu laut und eng ist? In Bars\/Kneipen wo viele nur gr\u00f6len und tanzen (Sofern man das so nennen kann) und 100 verschiedene Alkoholfahnen um mich wehen? Oder in ein Caf\u00e9 wo dein Nachbar sehr oft versucht, alles mitzubekommen, was du machst oder sagst?<\/p>\n\n\n\n<p>Ich finde da niemanden, mit dem ich in irgendeiner Form kommunizieren, oder sogar mehr, m\u00f6chte. Neue Menschen sind f\u00fcr mich immer schwierig. Und gerade dann, wenn es spontan sein soll. Ich brauche Vorlauf. Muss mich vorbereiten auf diese neuen Begegnungen und besser w\u00e4re zu wissen, wem ich da begegne.<br>Ausnahme ist, wenn mein Mann mich irgendwo mit hinnimmt. Dann versuche ich (wenn er es sich wirklich w\u00fcnscht) auch mal spontan zu sein. Oder es gibt Alkohol, was meine Hemmschwelle in den Boden sinken l\u00e4sst. Allerdings kam das bisher nur einmal vor. Zum Gl\u00fcck.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerade f\u00fcr Leute mit Social Anxiety (Und auch die, die sich das oft auch nur einbilden. Ja. Davon gibt es genug Menschen.), ist dieser Satz wie \u2026 als wenn wir sagen w\u00fcrden &#8222;Sch\u00fctte dir Salzs\u00e4ure ins Gesicht&#8220;. Kein angenehmer Gedanke, oder? Eben.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Mach halt mal mehr Sport.&#8220;<br>&#8222;Alles was du brauchst ist ein bisschen Bewegung&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Sport. Das Allheilmittel f\u00fcr alle Krankheiten. Du hast Krebs? Mach Sport. Du hast zu viele Kilos drauf? Mach Sport. Du hast eine Lungeninsuffizienz? Mach Sport. Depressionen? Mach Sport. Egal was man hat, es gibt immer einen der mit diesem tollen Ratschlag kommt. Und ist der Ratschlag sinnvoll? In den meisten F\u00e4llen \u2026 NEIN.<br>Sport mag in vielen Bereichen helfen wie Kondition oder Muskeln aufbauen, jedoch nicht bei den meisten Krankheiten. Gerade bei Psychischen.<\/p>\n\n\n\n<p>Mein Mann und ich haben z. B. Pl\u00e4ne gemacht bzgl. unseres Lebens nach dem Umzug. Ich m\u00f6chte mir, damit auch etwas Stress abf\u00e4llt, einen strikten Wochenplan machen. Und auch dort soll Sport rein. Ich kam gleich mit Joggen und mein Mann hat mich sofort gebremst.<br>Bei Menschen mit zu vielen Kilos z. B. sind Sachen wie Joggen nicht ungef\u00e4hrlich. Mein Mann erinnerte mich daran, dass das die Gelenke nicht aushalten w\u00fcrden und eventuell dort zu Sch\u00e4den kommt. Weil sie es halt auch nicht gewohnt sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Au\u00dferdem mag Sport zum Beispiel ersch\u00f6pfen. Und vielleicht, nur vielleicht, hat es dem einen oder anderen auch bei psychischen Problemen geholfen, aber am Ende wirkt sich die Aktivit\u00e4t selbst kaum auf psychische Probleme aus.<br>Und am Ende w\u00fcrde es darauf hinauslaufen, dass man es ein bis zwei Mal macht und dann aufgibt. Zus\u00e4tzlich tr\u00e4gt dieser Satz eher dazu bei, dass man sich selbst anf\u00e4ngt, noch schlechter zu sehen, als man es schon tut. Gedanken wie &#8222;Du bist ne faule Sau!&#8220; oder &#8222;Du bist Fett geworden&#8220; sind dann noch die harmloseren Dinge, die uns dann begleiten.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Lach doch mal.&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Ich habe in einem Blog-Projekt zu meinen \u00c4ngsten schon dazu was gesagt. Ja. Kann man machen. Is ja am Ende nur rein mechanisch. Das Problem ist: Wann wird diese Mechanik zum Automatismus? Bei mir wurde es das. Ich sehe Menschen, die z. B. &#8222;Lach doch mal&#8220; gesagt haben und fange automatisch an zu l\u00e4cheln. Aber \u2026 ohne es zu f\u00fchlen.<br>Ich l\u00e4chele einfach, damit solche Spr\u00fcche nicht mehr kommen. Als ich noch im B\u00fcro gearbeitet hatte, inzwischen arbeite ich ja im Homeoffice, hab ich den Satz bestimmt 2-3 Mal zu h\u00f6ren bekommen. Pro Woche. Mir wurde auch dauernd schlechte Laune unterstellt. Weil ich halt nicht gel\u00e4chelt habe.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei solchen S\u00e4tzen denkt man irgendwie, dass man permanent wie ein Honigkuchenpferd grinsend durchs Leben gehen muss. Aber mal ernsthaft gefragt: Was interessiert es andere, ob ich lache? F\u00fchlen sie sich schlechter, weil ich es eben nicht tu? Und wenn ja: Wo ist das mein Problem?<br>Warum muss ich lachen, wenn mir aber zum Schreien oder Heulen zu Mute ist? Oder wenn ich mich auf etwas konzentrieren muss, weil Arbeit gemacht sein muss? Wir sollten den Spie\u00df mal umdrehen: &#8222;Wein doch mal!&#8220;<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Du musst nur Umdenken\/Positiv denken&#8220;<br>\u201eDenk doch einfach mal an etwas Sch\u00f6nes!\u201c<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Das hatten wir ja schon in \u00e4hnlicher Form im ersten Teil. Dennoch wollte ich das einmal auch hier mit reinnehmen. Ja man kann seinen Kopf versuchen zu manipulieren. Aber die Menschen die so etwas von einem, manchmal auch mit viel Nachdruck, verlangen vergessen eins: Sie k\u00f6nnen nicht nachvollziehen was f\u00fcr ein Kraftakt das ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Am Ende ist diese Aussage eigentlich das gleiche, wie wenn man einen Hund drum bittet zu fliegen. Er kann es versuchen. Vielleicht schafft er es, f\u00fcr 0,5 Sekunden in der Luft zu bleiben. Aber am Ende kann er es nicht.<br>Dasselbe gilt f\u00fcr depressive Menschen z. B.. Ja wir k\u00f6nnen an positive Dinge denken. Wie z. B. ein sch\u00f6nes Abendessen. Oder ein Konzertbesuch. Aber, und das wissen viele nicht, oft dauert es keine 10 Sekunden, bis diese positiven Gedanken \u00fcberflutet werden. Von den Sorgen, \u00c4ngsten und Problemen, die uns heimsuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Oder, was mein Kopf gerne macht, in diesen Positiven Erinnerungen \/ Gedanken das Qu\u00e4ntchen Negativit\u00e4t finden und aufbauschen, was da zu finden ist. Anhand der oben genannten Beispiele: &#8222;Du hast die ganze Zeit geredet. Dein\/e Begleiter\/in hatte sicher keinen Spa\u00df.&#8220; Oder &#8222;Du hast dich aufgef\u00fchrt wie ein Teenie. Werd endlich erwachsen!&#8220;.<br>F\u00fcr den ein oder Anderen mag das banal klingen. Aber f\u00fcr uns ist das ein Kampf. Ein sehr energiefressender Kampf den wir leider seltener gewinnen als verlieren.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Geh doch einfach paar Stunden lang spazieren, dann kommst du auf andere Gedanken&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Bei dem Satz \u00fcberlege ich immer, ob man Depressionen verstanden hat. Deswegen stell ich dazu mal eine Frage: Warum sollte mein Kopf die Gedanken drau\u00dfen nicht haben, die er aber in der Wohnung hat?<br>Glaubt ihr wirklich, wenn ich zuhause daran denke, wie schei\u00dfe \u2026 mein Sozialleben ist, und drau\u00dfen dann dar\u00fcber nachdenkt, wie gut ich es eigentlich habe? Und wenn er drau\u00dfen nicht an das schei\u00df sozialleben denkt, wer sagt denn, dass er dann nicht anf\u00e4ngt \u00fcber \u2026 was wei\u00df ich \u2026 die eigene Armut, fehlende Z\u00e4rtlichkeiten oder was auch immer denkt?<\/p>\n\n\n\n<p>Ein depressiver und negativer Kopf f\u00e4ngt nicht an anders zu denken, nur weil sich das Umfeld von 4 W\u00e4nden auf 4 B\u00e4ume \u00e4ndert. Er wechselt vielleicht das Thema, aber doch nicht die Grundeinstellung. Ein Depressiver wird nicht gesund, nur weil er 2 Stunden seine Beine ununterbrochen bewegt.<br>Und selbst wenn es andere Gedanken sind: Kannst du, der diesen &#8222;Vorschlag&#8220; macht, garantieren, dass diese Gedanken auch wirklich nicht negativ sind? Nein. Weil du bist nicht depressiv und du wei\u00dft nicht, was die Depression mit dem macht, der vor dir steht.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich m\u00f6chte hier nicht sagen, dass es nicht doch Menschen gibt, denen rausgehen vielleicht hilft. Aber ich behaupte einfach mal, dass das nur auf wenige im Vergleich zur Masse zutrifft.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\">\n<p>&#8222;Da muss sich doch nur ein Schalter in deinem Kopf umlegen, dann gehts dir wieder gut.&#8220;<br>&#8222;Dann h\u00f6r halt auf zu denken&#8220;<\/p>\n<\/blockquote>\n\n\n\n<p>Geil. Hat da jemand schon ein Patent f\u00fcr angemeldet? Also den &#8222;Ich bin nicht mehr depressiv Schalter&#8220; im Hirn? Nein? Wieso sagt man dann sowas? Warum glauben Menschen immer, dass es f\u00fcr irgendwas einen Schalter im Kopf gibt?<br>Ich glaube viele depressive und psychisch kranke Menschen w\u00fcnschen sich genau so einen Schalter. Ein Schalter der uns das Leid, was wir empfinden, aus dem Kopf sp\u00fclt. Der es einfach abschaltet. Das w\u00e4r so ein Segen. Wenn auch ein gef\u00e4hrlicher Segen. Gar keine Traurigkeit mehr zu empfinden ist n\u00e4mlich auch nicht so gesund.<\/p>\n\n\n\n<p>Und wenn ich aufh\u00f6ren k\u00f6nnte zu denken, w\u00fcrde ich vielleicht endlich mal durchschlafen. Oder gar schneller einschlafen. Und vielleicht auch mehr Energie f\u00fcrs Leben haben. Aber, und jetzt pass auf, setz dich hin, damit du dich nicht erschreckst, die meisten k\u00f6nnen das nicht! Ich z. B. kann nicht einfach aufh\u00f6ren zu denken oder nachzudenken. Es geht nicht.<br>Selbst w\u00e4hrend ich diesen Blog schreibe, denke ich an die Erlebnisse der letzten Wochen. An das, was ich verloren habe. Wie es mir ging. Was mir passiert ist. Und das obwohl ich diesen Text schreibe in der Hoffnung, Menschen damit zu erreichen uns sie zum Umdenken zu bewegen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Leben w\u00e4r so viel einfacher, wenn es die Option g\u00e4be, mal einfach nicht zu denken und wie ein Zombie durchs Leben torkeln zu k\u00f6nnen. Das w\u00e4r es f\u00fcr alle. Nicht nur f\u00fcr depressive Menschen. Das Hirn will, was es will. Und selbst wenn wir anfingen &#8222;Nicht denken&#8220; zu denken, denken wir am Ende doch etwas.<br>Ich bin auch noch keinem Menschen begegnet, dem es leicht fiel weniger oder gar nicht zu denken. Weil es nicht geht. So einfach ist das. Gedanken werden h\u00f6chstens mal sehr leise. Dass man sie kaum wahr nimmt. Aber der Kopf h\u00f6rt niemals auf zu arbeiten.<\/p>\n\n\n\n<p>So. Von der Wortzahl sind wir nahe an letztem Wochenende und der Bereich ist damit auch abgearbeitet. Ich mag diese ungefragten Ratschl\u00e4ge pers\u00f6nlich gar nicht. Und bei vielen davon, wir zum Beispiel der mit dem Schalter, werde ich auch w\u00fctend. F\u00fcr einige wenige m\u00f6gen einige der Ratschl\u00e4ge vielleicht n\u00fctzlich sein. Aber die Menschen haben sich angew\u00f6hnt, diese Ratschl\u00e4ge jedem an den Kopf zu schmei\u00dfen, ohne dar\u00fcber nachzudenken, ob die Person daf\u00fcr \u00fcberhaupt mental\/k\u00f6rperlich in der Lage ist.<br>Vielleicht, aber nur vielleicht streicht man diese Ratschl\u00e4ge oder formuliert sie um. Aber dazu im Folgeprojekt mehr. N\u00e4chstes Mal wird es um die beleidigenden Dinge gehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Gerry<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Click here for english version Der erste Teil kam, soweit ich das mitbekommen habe, ziemlich gut bei euch an. 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