Tänze – Teil 2: Schneetanz

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Erstveröffentlichung: 31.01.2013
Genre: Drama
Cover Hintergründe: Pixabay.com / Gerry (Text in den schwarzen Flächen)

Text Version: 1.3

Teile: 1 2 3 4 5

Wieder sitze ich am Fenster und starre hinaus.
Der Winter ist inzwischen hereingebrochen.
Ich fühle die Kälte nicht.
In meinem Zimmer ist es warm –
nein, nicht mein Zimmer:
mein Käfig!

Langsam setzt die Dämmerung der Nacht ein
und die Schneeflocken beginnen vor meinen Augen zu fallen.
Wie gerne würd‘ ich sie doch berühren.
Ihre zarten Arme in meiner Hand schmelzen sehen.
Fühlen.

Ich lausche an der Tür.
Alles ist ruhig.
Schnell schleiche ich, schweratmig, zu meiner Schatulle
und hebe den kleinen Schlüssel zum Schloss meines Fensters heraus.
Langsam schließe ich das Schloss auf und spüre die ersten kalten Luftzüge.

Einen kleinen Spalt weit öffne ich das Fenster.
Mehr geht nicht. Meine Mutter könnte es mitbekommen.
Ein Stück weit halte ich meine Hand raus. Wie kleine,
eiskalte Nadelspitzen fühlt es sich an,
wenn die Flocken meine Haut berühren.

Ich nehme eine kleine Handvoll Schnee von meinem Fensterbrett
und schließe das Fenster wieder. Leise und mit Bedacht.
Langsam hauche ich den Schnee an
und sehe die Arme der Flocken schmelzen.
Sie verbinden sich miteinander.
Oder winken sie mir? Nein.
Sie tanzen miteinander. Vereinen sich.

Dieser Tanz ist das Letzte, was die Flocken tun,
bevor sie als Tropfen langsam in eine Phiole gleiten,
welche ich in der anderen Hand halte.
Langsam führ‘ ich den restlichen Schnee zu meiner Wange.
Es ist angenehm.
Ich ignoriere das Risiko, dessen ich mich gerade aussetze.
Der Augenblick, in dem der Schnee auf meinen Wangen tanzt,
gehört nur mir allein.

Da ist es wieder. Das Gefühl der Ohnmacht.
Ich sinke auf die Knie, als die letzten Flocken
ihren Tanz auf meiner Wange beenden.
Der Schmerz in meiner Brust reißt mich aus meinen Träumen der Freiheit.
Schnell schließe ich das Fenster.
Lasse dem Schlüssel unter mein Bett fallen.
Werde ich bestraft dafür, mich nach der Freiheit zu sehnen?
Ich werde müde.
Mein Blick ruht auf dem Kissen, unter dem das getrocknete,
regungslose Blatt liegt,
bis es dunkel wird.

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