Die entstandene Lücke
Einige, die meinen Blog schon vor der Restrukturierung kennen, wissen, dass ich in meiner Jugend doch mehr zurückstecken musste, als mir lieb war. Auch nachdem ich anfing zu arbeiten, musste ich hier und da immer noch sehr aufpassen – aufgrund mehrerer Unannehmlichkeiten und eines schlechten Starts ins Erwachsenenleben. Hier geht es allerdings nicht um Schuldfragen oder Ursachen, sondern darum, wohin dies am Ende alles geführt hat.
Denn wenn man dann Geld verdient, wird der Drang größer, diese Lücke, die als Jugendlicher oder als Kind entstanden ist, zu füllen. Mit allem, was dazugehört.
Konsum ohne Substanz
Ich habe so viel Geld ausgegeben in meinem Leben für Spiele. Für Kram. Merch. So unfassbar viel. Mein Steam-Account, League of Legends und so weiter sind hohe vierstellige Beträge wert. Nicht wegen Achievements oder seltener Skins, die man zum Beispiel in Ranglistenspielen bekommen kann. Nein. Wegen dem Geld, das ich da reingesteckt habe.
Das Schlimme daran ist: Ich ärgere mich darüber. Weil – um beim Beispiel League of Legends zu bleiben – ich das zum Beispiel gar nicht mehr spiele. Aus diversen Gründen. Aber am Ende ist das jetzt Geld, das in einer Cloud liegt und nie wiederkommt.
Der Kaufimpuls
In den letzten, sagen wir mal, zwei Jahren habe ich aber über diesen Kaufdrang viel gelernt. Es gab da ein Spiel fürs Handy, das mich echt in die Bredouille gebracht hat. Ich habe dort sehr viele Impulskäufe getätigt. Und mir wurde bewusst, wie so viel Geld verpulvert werden konnte – und dass diese Gier nach Zufriedenheit durch Konsum auch nicht einfach aufhörte.
Ich setzte mich sehr damit auseinander. Grundlegend habe ich mich lange gefragt, warum dieser Drang so extrem ist und warum es nicht immer nur bei einmal kaufen geblieben ist. Warum es nie reicht. Und am Ende ist es, speziell für meinen Fall gesprochen, auch eine Auswirkung meiner kPTBS und Depression. Eben habe ich ja das Wort „Zufriedenheit“ benutzt. Und ja. Das ist der Knackpunkt.
Ruhe im Kopf
Durch meine Neurodivergenzen bin ich fast immer unzufrieden. Egal, was ich habe, bekomme oder wie auch immer. Gerade in Tief-Phasen ist dieser Drang zu kaufen sehr groß, und der sorgt dann dafür, dass ich immer mehr, mehr und MEHR haben will. Und der Kauf sorgt für einen Moment der Entspannung. Es ist ein schwer zu kontrollierender Impuls, der einfach zuschlägt, wenn es zu dunkel wird.
Während ich bei Wut eine recht gute Impulskontrolle habe – vielleicht auch eine zu gute –, ist dieser Kaufimpuls schwer zu bändigen. Es ist am Ende ein Muster. Es geht nicht um einen Kauf. Ein Kauf hilft oft nicht. Es ging oft um viele Käufe hintereinander. Es ging am Ende nicht um das Spiel oder den gekauften Inhalt. Es geht nicht darum, Freude zu fühlen. Sondern um das schon bekannte, aber zu seltene Stillwerden im Kopf.
Scham und Wiederholung
Doch was tun? Gibt es eine Lösung? Ich weiß es nicht. Das letzte Mal, als das Tief mich diesbezüglich sehr in Schwierigkeiten brachte, war es mir unfassbar unangenehm, darüber zu reden. Ich habe mich sehr geschämt und tue es irgendwo immer noch. Seitdem versuche ich, auch wenn ich den Impuls selbst kaum zu unterdrücken vermag, wenigstens ein wenig Kontrolle darüber zu gewinnen, wie schwerwiegend der Impuls sich am Ende auf mein Leben auswirkt.
Ich glaube, dass gerade Menschen mit Depressionen generell sehr starke Probleme mit Impulsen haben, die einen Moment von Ruhe erzeugen. Diese Ruhe, die man durch die impulsive Handlung erhält, kann süchtig machen. Der Schmerz aber, den man oft unmittelbar danach empfindet – bestehend aus Wut und Scham –, kann noch so stark sein, ist aber ein schlechter Lehrmeister, weil die Betroffenen diesen Schmerz schon irgendwie … gewohnt sind.
Warum das hier steht
Warum erzähle ich das? Ich weiß es nicht wirklich. Es geht auch prinzipiell nicht um fehlende Disziplin oder schlechten Umgang mit Geld. Ich hatte einfach das Bedürfnis, darüber zu schreiben. Weil ich es wichtig finde, dass Menschen verstehen, dass hinter solchen Impulshandlungen mehr steckt als nur die Befriedigung von Konsum. Es ist die Sucht nach einer nie dauerhaft einkehrenden Ruhe und Entspannung im eigenen Gehirn.
Und diese Ruhe … diese Entspannung … Die Sucht nach genau dem ist das, was am Ende selbstzerstörerisch sein kann.
Gerry
1 Leuchten zu „Avaritia #1 – Mehr Spiele, mehr Unterhaltung … MEHR!“
Aus den Mustern der Entspannung oder Befriedigung funktionieren solche Plattformen wie Wish und Temu ganz gut. Es gibt vieles für einen sehr niedrigen Preis, was wo anders zu viel für viele Menschen ist. Man kauft sich also das Günstige, auch wenn es schnell kaputt geht, aber es geht nicht um den Besitz, es geht um den “Rausch” beim kaufen und die Freude beim erhalten. In solchen “Glückskäufen” hab ich mich früher sehr oft befunden, da ich nie viel Geld verdient habe und mir so aber “Viel” leisten konnte. Und auch hier: viele Kleinigkeiten kosten am Ende so viel wie etwas großes und teures. Und man merkt oft viel zu spät, wie viel Geld man im Monat ausgegeben hat. “Oh. Das kostet nur 5€. Das geht noch.” *klick*
Viele von uns kennen diese Kaufbefriedigung, wichtig ist sie zu reflektieren und einen Umgang mit ihr herzustellen, welcher aus einer Sucht und von langfristig negativen Kontoständen wegführt. Immer ein langer und schwerer Weg, aber allein es zu versuchen, immer und immer wieder, ist ein guter Anfang.
So und jetzt entschuldigt mich, da gibt es günstige Fetischkleidung welche ich erwerben möchte. XD