Der Abschied von CSR
Ich glaube, die größte Veränderung 2025 war, dass ich meine Arbeit „verloren“ habe. Wobei „verloren“ nicht das richtige Wort ist. Deswegen die Anführungszeichen. Es wurde einfach einmal Zeit. Mein damaliger Geschäftsführer und ich hatten ja schon 2024 darüber geredet, ob das noch der richtige Ort für mich ist – vor allem aus psychologischer Sicht.
Auch mein Therapeut hat hier und da angemerkt, ob ich überhaupt noch „fähig“ sei, dieser Arbeit nachzugehen, weil sie mich mehr belastet als weiterbringt. So kam es, dass der Geschäftsführer und ich mitten in einer großen Umstellung im Unternehmen den Kündigungsprozess ins Laufen brachten.
Der erste freie Morgen
Einen Tag nachdem die betriebsbedingte Kündigung bei mir ankam – zusammen mit einem Abwicklungsvertrag, der unter anderem die sofortige Freistellung beinhaltete – bin ich aufgewacht und habe mich so leicht wie noch nie zuvor gefühlt. Ich bin aufgestanden und habe entschieden, nach Frankfurt zu fahren, um dort zu frühstücken.
Es war ein gemütlicher Morgen ohne die Belastung dieses Customer-Service-Representative-Jobs und ohne die Last, in einer Firma zu arbeiten, in der es für mich kein Vorankommen gab, während andere … Individuen sich alles erlauben konnten und sogar aufstiegen – wenn auch nur in sehr begrenztem Rahmen.
Genossene Freiheit und Trägheit
Ich habe die erste Zeit, in der ich arbeitssuchend war, sehr genossen und mich Dingen gewidmet, für die ich monatelang keinen Kopf gefunden hatte. Und das war gut. Denke ich. Doch ich habe dabei fast vergessen, wie der Kopf funktioniert.
Ich steckte nicht umsonst 14 Jahre in dieser Arbeit fest. Nicht, weil man mich unbedingt behalten wollte, sondern eher – und hier kommt die Kategorie „Acedia“ ins Spiel – weil ich die Kraft und den Mut nicht fand, etwas Neues zu suchen. Doch dazu war ich nun gezwungen.
Arbeitslosigkeit und Realität
Dies ist nun schon ein halbes Jahr her. Meine Kündigungsfrist ist abgelaufen und nun bin ich arbeitslos – etwas, was ich nie wieder sein wollte. Die Trägheit, die in meinem Kopf herrscht, sorgt dafür, dass ich mich sehr schnell entmutigen lasse. Ich möchte einfach nicht eine Enttäuschung nach der anderen einfahren.
Somit beschränken sich Bewerbungen auf Stellen, deren Stellenausschreibung die hochtrabendsten Voraussetzungen erwartet, auf ein Minimum. Für Quereinsteiger ist in diesem Land gefühlt kein Platz mehr. Und selbst intensive Weiterbildungen, die teilweise Stoff in Studiengängen sehr übertreffen, haben keinen Wert auf dem Arbeitsmarkt – selbst wenn die Abschlüsse und Zertifikate von Universitäten ausgestellt werden.
Kleine Berufswünsche und Hürden
Ich habe tatsächlich hier und da kleine Berufswünsche. Zum Beispiel in die Jugendarbeit zu gehen oder einen Quereinstieg ins Personalwesen mit Diversity- / Gleichstellungsaspekten zu versuchen. Aber für das eine bräuchte ich mindestens einen Bachelor in Sozialer Arbeit, für das andere in Personalmanagement. Diese setzen wiederum meist ein entsprechendes Abitur voraus – hab ich nicht. Woher auch? Ich bin, und das ist sehr großzügig beschrieben, in der untersten Mittelschicht aufgewachsen. Bildung ist teuer oder setzt eine theoretische Intelligenz voraus, die kaum einer aufweisen kann.
Würde ich die oben genannten Weiterbildungen bzw. Studiengänge machen wollen, wäre ich mit den Kosten im unteren fünfstelligen Bereich. Unaufbringlich für mich. Weiterbildungen über die Arbeitsagentur würden mich nicht an die Ziele bringen, die ich ins Auge gefasst habe.
Mentale Trägheit und Angst
Und nun schlägt der Kernaspekt der (mentalen) Trägheit wieder zu. Ich habe nicht die Energie und Kraft, weiterzusuchen. Egal, nach was ich schaue: Es ist entweder nicht das, was ich machen will, oder es ist mit wahnsinnigen finanziellen Belastungen verbunden, die ich nicht stemmen kann – und um ehrlich zu sein, auch nicht mehr stemmen will.
Mit dieser Trägheit vergrößert sich am Ende wieder die Angst, erneut in einer Tätigkeit zu landen, die man annimmt, weil man nichts anderes findet. Sich Jahre daran festklammert aus Angst, nichts anderes zu finden, und sich selbst einredet, selbst bei widrigsten Umständen, dass man bleiben sollte. Und dadurch noch mehr psychische Probleme bekommt oder noch unglücklicher wird. Will ich das noch einmal?
Rat und Reflexion
Also, was tun? Und dann hat man vielleicht auch Menschen um sich herum, die einem wirklich gut gemeinte Ideen geben, von denen man aber selbst weiß: „Das traue ich mir nicht zu!“, „Das würde mir zu nahe gehen.“ oder „Das bringt mich am Ende nirgendwo hin.“ – aber man versucht nichts dagegen zu sagen, weil man sonst für undankbar gehalten wird.
Was meint ihr? Was habt ihr so für Erfahrungen gemacht, wenn ihr arbeitslos wart? Gerade, wenn ihr zum Beispiel auch neurodivergent seid. Soll man vielleicht auf Ratschläge hören, auch wenn man genau weiß, dass sie nicht funktionieren werden, oder lieber mal stehen bleiben und Ruhe bewahren, selbst wenn es ein paar Wochen dauert – was aber die Trägheit auch noch fördern könnte?
Einflüsse von außen und auch außerhalb meines Dunstkreises könnten sehr hilfreich sein.
Gerry
1 Leuchten zu „Tristitia #1 – Bye Bye CSR – Hallo Perspektivlosigkeit“
Zu den gut gemeinten Ratschlägen würde ich sagen, da ich sie selbst kenne und sie seit einer Weile aus einem anderen Blickwinkel betrachte, dass andere dir diese Dinge zutrauen, welche du dir selbst nicht zutraust, weil sie dich kennen und ohne deine eigenen Zweifel beurteilen, was zu dir passen könnte. Ich hab auch Jahrelang negativ und genervt darüber empfunden, aber aus einem anderen Blickwinkel heraus kann man sich den Geanken geben: “Die trauen mir das zu, könnte ich das wirklich?” Dies ist neutral und stoppt die sofortige negative Einordnung. Was aber nicht heißt, dass man den Vorschlägen auch nachkommen sollte. Nur die Denkweise darüber und wie andere einen sehen, was dazu führen kann, dass man sich selbst anders zu sehen lernt.