Psychologie
Psychologie. So weit erforscht. So detailliert gelistet. Reflektiert. Wie der Vollmond.
Psychologie. So verpönt. Für Menschen unverständlich. Dunkel. Finster. Wie der Neumond.
Vorstellungskraft
Stell dir vor, du sitzt zu Hause. In einem Stuhl. Auf einem Sofa. Einem Sessel.
Die Gedanken: finster. Düster. Es schreit in dir. Gleichzeitig bist du müde. Unendlich müde.
Wahrscheinlich sitzt du nicht einmal auf einer dieser Möglichkeiten. Wahrscheinlicher ist, du liegst.
Mit einem Elefanten auf der Brust, der dich daran hindert, aufzustehen.
Du brauchst Hilfe. Glaubst du.
Hast aber den Eindruck, sie nicht zu verdienen.
Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, ist in deine Synapsen gebrannt.
Lange Wartelisten. Längere Antwortzeiten. Oft gar keine Antwort.
Vielleicht bist du schon in Therapie. Ein Jahr. Zwei Jahre. Vielleicht auch drei.
Doch es bewegt sich nichts.
Vielleicht der falsche Therapierende. Vielleicht die falsche Therapieform.
Vielleicht sind die Blockaden zu groß.
Viele Vielleichts. Aber keine Hoffnung.
Du weißt, du bist anders.
Warst du schon immer.
Als Kind.
Die Apotheose
Du bist noch nicht in der Lage zu erkennen, was falsch läuft.
Bei anderen Kindern. Erwachsenen. In der eigenen Familie.
Du wirst niedergeredet.
Alles, was du machst, ist irgendwie falsch.
Anerkennung? Nur von Lehrern, weil du dich reinhängst.
Mitschüler? Hassen dich.
Schleimer. Streber.
Deine Sachen verschwinden. Tauchen wieder auf.
Manchmal verdreckt. Andermal zerstört.
Du ziehst dich zurück.
Und das Licht in dir bekommt eine dunkle Sichel.
Du bist stolz. Auf deine Noten.
Aber andere sind es nicht.
Gute Noten? Deine Schultasche ist Müll.
Du schaffst es nicht, Ordnung zu halten.
Egal, was du tust. Es bleibt unordentlich.
Bestrafungen folgen.
Schlechte Noten … in „Ordnung“.
Schellen. Zu Hause.
Hausarrest. Stärkere Kontrollen.
Jahrelang.
Das gleiche Spiel. Die gleichen Probleme.
Und die Lösung deiner Eltern:
„Verhalte dich doch normal.“
Aber du fühlst dich normal.
Weil es für dich normal ist.
Und dann eine Fehlentscheidung.
Nicht von dir.
Nicht von deinen Lehrern.
Vielleicht doch von den Lehrern.
Jenen, die nicht sehen wollen.
Der Erste Schatten
Ein Umzug.
In einen Brennpunkt.
Alles neu. Weg von allem, was du kennst.
Von allem, was dir Halt gibt.
Du bekommst keine Chance, dich zu verabschieden.
Von niemandem.
Du hast keine Wahl.
Niemals.
Andere bestimmen für dich.
Und alles wird schlimmer.
Neue Schule. Neue Täter.
Gröber. Härter. Lauter.
Lehrer werden unnahbar.
Arbeitsmaterial wird minderwertiger.
Sachen gehen schneller kaputt.
Nicht wegen dir. Zumindest nicht immer.
Durch andere. Durch Täter. Durch Arschlöcher.
Ein Jahr. Nur eines.
Und dann könntest du neu anfangen.
Also erträgst du es.
Jede schlechte Note.
Jeden Schlag.
Jedes schlimme Wort.
Jede Kritik.
Von einem Notendurchschnitt von ~2 auf ~4.
In einem Jahr.
Keine Chancen auf Bildung.
Nicht für dich. Nicht mehr.
Kein Gymnasium. Kein Arzt werden. Nichts.
Doch das ist nicht das Schlimmste.
Nein.
Das Schlimmste ist dein Selbsthass.
Weil du anders bist. In den Augen der anderen.
Weil du nervig bist. In den Augen der Familie.
Weil du nichts wert bist. In deinen Augen.
Der Beginn des Rückzugs
Dein Licht wird aufgefressen.
Der Schatten wird größer.
Du wirst kleiner.
Und dennoch hoffst du.
„Auf der nächsten Schule wird es besser.“
Falsch gehofft.
Es wird schlimmer.
Doch du willst anders sein.
Zugänglicher. Cooler.
Du fängst sogar mit dem Rauchen an, um dazuzugehören.
Doch es bleibt dasselbe:
Ertragen.
Aber es ist mehr als das.
Die Last wird schwerer.
Mobbing.
Gerüchte.
Zerstörte Bücher.
Du musst haften.
Penetranter wird es.
Das Mobbing.
Die Zerstörungswut.
Du hast niemanden.
Niemand kennt dich.
Aber alle kennen sich gegenseitig.
Du bist der Neue.
Der Andere.
Nicht cool genug.
Falsche Kleidung. Falsche Haltung.
Falsches … alles.
Andere Neue sind erfolgreich.
Coole Klamotten. Großes Maul.
Und du weißt: Die haben kein Hirn.
Du schon.
Aber sie kommen weiter. Sozial.
Du hast noch keine Ahnung, was wirklich noch kommt.
Das bisher ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Das halbe Herz
Du beginnst innerlich zu sterben.
Es fühlt sich wörtlich an.
Äußerlich ist nichts zu sehen.
Du sitzt beim Arzt.
Blaues Auge.
Prellungen an Schenkel und Hüfte.
Gehirnerschütterung.
Und immer wieder läuft die Szene in deinem Kopf.
Du wirst gelockt.
Zur Bushaltestelle.
Von einer Person, die sonst nie böse zu dir ist.
Du denkst:
Stark.
„Wow. Jemand könnte mich mögen.“
Du stehst da.
Redest.
Hörst Schritte.
Du drehst dich um.
Dann wird es schwarz.
Schmerz im Auge.
Du taumelst rückwärts.
Ins Wartehäuschen.
Glas im Rücken.
Du gehst in die Knie.
Hockst.
Die Hände schützend vor dem Gesicht.
Um dich herum:
Schreie.
Anfeuern.
Lachen.
Beleidigungen.
Lächerlichkeiten.
Schritte.
Neuer Schmerz.
Hinterkopf. Eine Faust.
Rücken.
Ein Tritt.
Noch einer. Am Schenkel.
Kein Zeitgefühl.
Zehn Minuten? Eine Stunde?
Das Lachen wird lauter.
Du riskierst einen Blick.
Eine Sekunde.
Du siehst ein Mädchen.
Es schaut traurig.
Schnell vergräbst du dich wieder.
Du hörst Autos. Gemischt mit Jubel.
Du möchtest weg.
Um jeden Preis.
Du stehst auf, mit aller Kraft, die dir bleibt.
Stößt dich durch die Menge.
Läufst. Auf die Straße.
Deine Gedanken: düster.
„BITTE ÜBERFAHRT MICH.“
Reifen quietschen.
Gelächter von hinten.
Du rennst.
Und rennst.
Und rennst.
Zu Hause. Zusammenbruch.
„Ich will nicht mehr zur Schule. Nie wieder.“
Deine Mutter kommt. Sie sieht dich an.
Ihr geht zum Arzt.
Die schmale Hälfte
Es wird besser. Zumindest physisch.
Liegt an der Anzeigenerstattung.
Aber du bist gebrochen.
Zu gebrochen.
Dunkelheit überall.
Sie führt dich. In ein Naturschutzgebiet.
Ein Strommast.
Erster Schritt. Erste Sprosse.
Zweiter Schritt. Zweite Sprosse.
So geht es weiter.
Bis du oben stehst.
Trotz Höhenangst.
Ein Schritt.
Nur einer.
Freiheit.
Zum Greifen nah.
Doch dann:
Das Gesicht des Menschen, der dir am meisten bedeutet.
In deinem Kopf.
Du kannst es nicht.
Nein.
Du kannst sie nicht allein lassen.
Niemals.
So vergeht die Zeit.
Erste Partner kommen. Gehen.
Aus Gründen.
Fremdgehen.
Emotionale Krüppeligkeit. Deine. Nicht ihre.
Unverständnis.
Von anderen.
Weil du Angst vor deiner Familie hast.
Und das versteckst, was dich ausmacht.
Wieder etwas Neues.
Etwas, das du nicht ausdrücken darfst.
Niemals.
Und doch musst du es.
Irgendwann.
Warum?
Ein Witz. Aus der Schule.
Eine Frage: „Bist du schwul oder was?“
Eine Antwort: „Und wenn so wäre?“
Eiseskälte.
Eine Rückfrage:
„Soll ich mit dir zum Psychiater?“
Als Erwachsener denkst du:
„Ja. Aber nicht deswegen.“
Zwang, Beziehungen zu beenden.
Kontakte.
Du schmeißt dich ins Bett.
Willst wieder sterben.
Drückst das Kissen auf dein Gesicht.
Bekommst keine Luft.
Du schaffst es nicht.
Nicht mal das kriegst du hin.
Verachtung.
Dir selbst gegenüber.
Und du erträgst weiter.
Immer noch.
Die Fast-Sichel
Du erkennst, was du aufgegeben hast.
Hunger?
Du verkaufst dein Zeug.
Andere hätten für dich sorgen sollen.
Du verkaufst dein Zeug.
Aus Angst vor erneutem Hunger.
Du musst die Person erinnern, die für dich sorgen soll.
An Essen.
Vor einem Spielautomaten.
Rechnungen.
DIN-A4.
Vierstellig.
Die Person, die dir einen guten Start ins Leben ermöglichen sollte, fällt darauf herein:
„ERRATEN SIE DIESES WORT: S_NNE UND GEWINNEN SIE 500 TEURO!“
Möbel.
Auf deinen Namen bestellt.
Nicht bezahlt.
Du fliehst.
Bei der erstbesten Gelegenheit.
Du liebst.
Egoisten.
Faule.
Unverantwortliche.
Du gerätst tiefer ins Dunkel.
„Unfähig.“
„Dumm.“
„Wertlos.“
„STIRB.“
Du denkst.
Zu dir selbst.
Und es geht weiter.
Die letzte Träne
Ein Punkt.
Dein Leben bricht zusammen.
Es lief.
Für wenige Jahre.
Gut.
Besser.
Und dann …
Dein Innerstes.
Aus Glas.
Zersplittert.
Scherben.
Staub.
Ein Neuanfang droht.
Wie schon so oft.
Aber er droht nicht.
Er ist da.
Umbruch.
Aber du bist mutig.
Neuer Ort.
Am anderen Ende des Landes.
Du findest Hilfe.
Psychologisch.
Unmenschlich.
„Sie sehen nicht aus, als würde es Ihnen schlecht gehen.“
Und doch bleibst du.
Keine Alternativen.
Wieder lange Wartezeiten.
Kein Platz.
Nein.
Ein Jahr. Zwei Jahre.
Keine Besserung.
Gedanken werden düsterer.
Beim Kochen: „Messer im Bauch?“
Beim Frühstück: „Fett abschneiden?“
Beim Spazieren: „In den See springen?“
Auf dem Balkon: „Köpper?“
Die Angst wächst.
Vor dem Ende.
Vor dem, was danach kommt.
Wenn etwas kommt.
Wenige Menschen halten dich.
Weil sie dich lieben.
Oder zumindest mögen.
Weil du sie liebst.
Weil du sie magst.
Für andere: stabiles Seil.
Für dich: Faden.
Jederzeit zerreißbar.
Die Angst davor?
Riesig.
Jedes kleine, abweichende Verhalten anderer ruft Verlustangst hervor.
Jedes Mal.
Stärker.
Heftiger.
Dunkler.
Du willst das nicht mehr.
Du suchst Hilfe.
Du erfüllst Bedingungen.
Wartelisten.
Unendlich lang.
Keine klaren Hinweise.
Du sitzt am Computer.
Schreibst diesen Text.
Und du weißt genau, was nötig ist, um sofort Hilfe zu bekommen.
Die Stille
Rasierklingen. Auf dem Badewannenrand.
Ein Glas Wein. Longdrink. Was immer schmecken würde.
Kerzenschein. Musik. Der Wille, es zu beenden.
Du könntest sie nutzen.
Die Klingen. Am Handgelenk.
Bis das kochende, traurige Blut hinausläuft.
Vielleicht fest. Vielleicht tief.
Vielleicht löst du das Rätsel.
Du wirst den Krankenwagen rufen.
Sie werden dich abholen.
Dich verbinden. Wegbringen.
Psychiatrische Notaufnahme.
Vielleicht bekommst du Hilfe.
Blutend.
Hilfe, die sonst verwehrt bliebe.
Hilfe, die vielen verwehrt bleibt.
Nur wer sich physisch schadet.
Nur wer blutet.
Nur wer die Klinge noch im Puls spürt.
Nur denen wird geholfen.
Erst dann.
Wenn der Neumond dich verschluckt hat.
In seine tiefste Dunkelheit.
Dann. Vielleicht.
Dann wirst du Hilfe spüren.
Oder nur unter die Erde gebracht werden.
Aber du wärst endlich frei.

1 Leuchten zu „Tristitia #2 – Neumond“
*stellt hier eine Kerze auf, für Alle, die gegangen sind, für Alle, die darüber nachdenken, und für Alle, wie Mich, die es überlebten*